Während ich beginne, diesen Beitrag zu schreiben, ist mir immer noch nicht ganz klar, wie ich sagen soll, was ich sagen will.
Eigentlich geht es mir um den Sinn und Unsinn von (Online-) Foto-Diskussionen. Der Vorgang ist bekannt. Jemand zeigt eine Fotografie, Andere urteilen darüber in Schrift oder Sprache. Man diskutiert über Linienführung, Tonwerte, Inhalt und Aussage, Authentizität und dergleichen. Manch einer doziert auch über Schärfe, Kontraste und sogar Rahmungen und Hintergründe müssen sich heutzutage einer kritischen Begutachtung unterziehen. Der Eine oder Andere diskutiert auch gar nicht, will sich aber trotzdem beteiligen und schreibt / sagt halt dann das, was er immer schreibt / sagt oder was andere schon geschrieben / gesagt haben, nur mit anderen Worten. Auch ich habe das schon getan.
Es ist ja nun auch einfach, in eine solche Foto-Diskussion einzusteigen. Die meisten Standard-Floskeln passsen zu nahezu allen Fotografien. Mir stellt sich die Frage, inwiefern es überhaupt Sinn macht, über Fotografie zu diskutieren.
Nehmen wir einmal das von mir erstellte und hier in diesem Beitrag angehängte Bild. Was könnte man darüber sagen? Das Hochformat mag ich lieber / weniger lieb als die schon gezeigte Quervariante. Der Himmel wirkt dramatisch, aber was hat das mit der Bildaussage zu tun? Passt das überhaupt dazu? Und was zum Henker ist denn eigentlich die Bildaussage? Warum sind die Strohballen entgegen der Regel des goldenen Schnitts hier mittig im Bild platziert? Die Bildhelligkeit nimmt zum Rand hin ab. Ist das so gewollt? Achja, sagen die Einen. Das lenkt den Blick auf das Wesentliche, die Strohballen. Aber sind diese überhaupt "Das Wesentliche"? Unsinn, sagen die Anderen. Das Objektiv vignettiert, das ist alles. Ein technischer Fehler, der absichtlich / unabsichtlich nicht korrigiert wurde.
Kommen wir zur Linienführung. Man könnte meinen, die stringente, stur geometrisch geordnete Linienführung der Strohballen geht über in die fliessende und weiche Struktur der Cirrus-Wolken am Himmel. Und somit hätten wir auch eine mögliche Bildaussage. Das Irdische ist streng strukturiert und Regeln unterworfen, das Himmlische ist allumfassend und fliessend. Und früher oder später geht das Eine in das Andere über.
War das die Intention des Fotografen, als er das Bild erstellte? Hatte er alle technischen Details der obigen Bildaussage untergeordnet und darauf gehofft, dass es einen Betrachter geben möge, der diesen abstrahierten Bildinhalt zu erkennen vermag?
Dies alles könnte man in dieses Bild hinein interpretieren. Man könnte es aber auch lassen und annehmen, der Autor hat dies so fotografiert, weil es ihm einfach so gefällt. Er ist dabei weder tiefsinnig, noch strukturiert vorgegangen. Er hat etwas gesehen, was ihm gefällt, es angeordnet, wie es ihm gefällt. Er hat eine Blende und eine Belichtungszeit vorgewählt, die ihm eine Ausarbeitung aller Tonwerte bei der Filmentwicklung ermöglicht und am Ende hatte er dann ein nettes Landschaftsbild. Mehr nicht.
Und wie war es nun wirklich? Darüber liesse sich trefflich diskutieren. Der Wahrheit kämen wir dadurch zwar nicht näher. Aber wir hätten dann vielleicht ein paar spannende Interpretationen verschiedener Betrachter. Das wiederum wäre dann in meinen Augen der wahre Sinn einer Foto-Diskussion.
Leica M6 - Zeiss 21mm - Kodak Tri-X 400