Sinn und Unsinn von Foto-Diskussionen

28 September by Michael Kellenter

Während ich beginne, diesen Beitrag zu schreiben, ist mir immer noch nicht ganz klar, wie ich sagen soll, was ich sagen will.

Eigentlich geht es mir um den Sinn und Unsinn von (Online-) Foto-Diskussionen. Der Vorgang ist bekannt. Jemand zeigt eine Fotografie, Andere urteilen darüber in Schrift oder Sprache. Man diskutiert über Linienführung, Tonwerte, Inhalt und Aussage, Authentizität und dergleichen. Manch einer doziert auch über Schärfe, Kontraste und sogar Rahmungen und Hintergründe müssen sich heutzutage einer kritischen Begutachtung unterziehen. Der Eine oder Andere diskutiert auch gar nicht, will sich aber trotzdem beteiligen und schreibt / sagt halt dann das, was er immer schreibt / sagt oder was andere schon geschrieben / gesagt haben, nur mit anderen Worten. Auch ich habe das schon getan.

Es ist ja nun auch einfach, in eine solche Foto-Diskussion einzusteigen. Die meisten Standard-Floskeln passsen zu nahezu allen Fotografien. Mir stellt sich die Frage, inwiefern es überhaupt Sinn macht, über Fotografie zu diskutieren.

Nehmen wir einmal das von mir erstellte und hier in diesem Beitrag angehängte Bild. Was könnte man darüber sagen? Das Hochformat mag ich lieber / weniger lieb als die schon gezeigte Quervariante. Der Himmel wirkt dramatisch, aber was hat das mit der Bildaussage zu tun? Passt das überhaupt dazu? Und was zum Henker ist denn eigentlich die Bildaussage? Warum sind die Strohballen entgegen der Regel des goldenen Schnitts hier mittig im Bild platziert? Die Bildhelligkeit nimmt zum Rand hin ab. Ist das so gewollt? Achja, sagen die Einen. Das lenkt den Blick auf das Wesentliche, die Strohballen. Aber sind diese überhaupt "Das Wesentliche"? Unsinn, sagen die Anderen. Das Objektiv vignettiert, das ist alles. Ein technischer Fehler, der absichtlich / unabsichtlich nicht korrigiert wurde.

Kommen wir zur Linienführung. Man könnte meinen, die stringente, stur geometrisch geordnete Linienführung der Strohballen geht über in die fliessende und weiche Struktur der Cirrus-Wolken am Himmel. Und somit hätten wir auch eine mögliche Bildaussage. Das Irdische ist streng strukturiert und Regeln unterworfen, das Himmlische ist allumfassend und fliessend. Und früher oder später geht das Eine in das Andere über.

War das die Intention des Fotografen, als er das Bild erstellte? Hatte er alle technischen Details der obigen Bildaussage untergeordnet und darauf gehofft, dass es einen Betrachter geben möge, der diesen abstrahierten Bildinhalt zu erkennen vermag?

Dies alles könnte man in dieses Bild hinein interpretieren. Man könnte es aber auch lassen und annehmen, der Autor hat dies so fotografiert, weil es ihm einfach so gefällt. Er ist dabei weder tiefsinnig, noch strukturiert vorgegangen. Er hat etwas gesehen, was ihm gefällt, es angeordnet, wie es ihm gefällt. Er hat eine Blende und eine Belichtungszeit vorgewählt, die ihm eine Ausarbeitung aller Tonwerte bei der Filmentwicklung ermöglicht und am Ende hatte er dann ein nettes Landschaftsbild. Mehr nicht.

Und wie war es nun wirklich? Darüber liesse sich trefflich diskutieren. Der Wahrheit kämen wir dadurch zwar nicht näher. Aber wir hätten dann vielleicht ein paar spannende Interpretationen verschiedener Betrachter. Das wiederum wäre dann in meinen Augen der wahre Sinn einer Foto-Diskussion.   

 
Leica M6 - Zeiss 21mm - Kodak Tri-X 400
 
 

Kommentare

boris | September 28. 2011 22:57

Letztlich kommst Du doch zu dem Schluss: jedem Tierchen sein Pläsierchen - und der ist richtig. Die einen ergehen sich in Technikfaselei, die anderen in Interpretationen zur Bildaussage und dritte gehen nochmals in eine andere Richtung. Und alles hat seine Berechtigung. Deshalb muss mich selbst keines davon interessieren. Es gibt keine richtige oder falsche Diskussion über Fotos / Bilder / Kunst.

Michael Kellenter | September 29. 2011 07:47

Ansel Adams hat gesagt, "ein Foto wird meistens nur angeschaut - selten schaut man in es hinein".

Wer anschaut, der kann nur oberflächlich diskutieren. Wer hineinschaut, der lässt eine eigene Interpretation zu. Sie muss nicht in Worte gefasst werden und dazu bedarf es keiner Diskussion. Aber sie kann im Sinne eines Austausches spannend sein.

Es gibt keine Diskussionspflicht. Ein Bild kann auch einfach mal das bleiben, was es ist. Ein Bild eben.



boris | September 29. 2011 08:00

Eben! Alles kann, Nichts muß!

aebby | Oktober 1. 2011 06:34

Es gibt keine Diskussionspflicht. Ein Bild kann auch einfach mal das bleiben, was es ist. Ein Bild eben.

Ja ... und Nein. In Communities besteht in gewisser Weise aufgrund des sozialen Zwangs leider doch so etwas wie eine Diskussionspflicht. Aus der Pflicht ergeben sich dann die bekannten unerquicklichen Diskussionen oder Schulterklopf Kommentare.

Im offeneren Kontext kann ich mir ein gezeigtes Bild anschauen. Dass es dem Fotografen wichtig ist und es ihm gefällt kann ich voraussetzen sonst würde er es nicht zeigen. Wenn es mich anspricht mir auch gefällt kann ich etwas dazu schreiben. In einem zweiten Schritt kann ich versuchen zu verstehen warum das Bild dem Fotografen wichtig ist oder mir überlegen warum das Bild mich anspricht. Dabei kann eine gedankliche Rückkopplung entstehen, diese Rückkopplung kann dann etwas auslösen, das weit mehr über eine Bilddiskussion hinausgeht.

Oben zeigst du ein "einfaches" Landschaftsbild, das mit den Dimensionen Höhe und Weite spielt. Der Strohstapel zeigt in die Höhe, der menschliche Beobachter ist klein und ehrfürchtig ... da ließe sich eine Brücke zu einem Thema schlagen auf das wir schon an mancher Stelle gestoßen sind. Dann kann auch eine formale Diskussion wieder Sinnig werden ... ein goldener Schnitt würde hier nämlich die Wirkung eher wieder reduzieren und ggf. vom eigentlichen Thema wegführen.

P.S. das Bild gefällt mir, weil es einen hohen Symbolgehalt hat und unabhängig vom reaelen Ort ist. Das könnte bei Dir hinterm Haus oder auch in Schleswig Holstein aufgenommen worden sein. Das unterscheidet es wesentlich von "Ich war hier" Bildern.

Kommentare sind geschlossen